Category Archives: Geistlos

Anerkennung

Comprobatio

Sag mir bitte frank und frei,
denn mein Urteil ist gar schwächlich,
ist dies grüne Hemd okay?
Dein Geschmack ist unbestechlich!

Du bist der Verkehrsexperte.
Sag mir, Franz, was soll ich machen,
denn die Kreuzung überquerte
ich bei Rot mit 70 Sachen.

Kompliment

(rhetorische Komplimente; ↪ auch Schmeicheln in “Geistlos”; nicht alle Komplimente sind geistlos, nicht jedes trägt schmeichlerische Absicht; das folgende Beispiel ist tragisch: Stefan Zweigs “Abschiedsbrief” [Declaracão], 1942, beginnt mit Anerkennung und Dank an sein Gastland Brasilien: “Ehe ich aus freiem Willen und mit klaren Sinnen aus dem Leben scheide, drängt es mich eine letzte Pflicht zu erfüllen: diesem wundervollen Lande Brasilien innig zu danken, das mir und meiner Arbeit so gut und gastlich Rast gegeben. Mit jedem Tage habe ich dies Land mehr lieben gelernt und nirgends hätte ich mir mein Leben lieber vom Grunde aus neu aufgebaut, nachdem die Welt meiner eigenen Sprache für mich untergegangen ist und meine geistige Heimat Europa sich selber vernichtet.” [Zweig, aus jüdischer Familie stammend, emmigrierte 1940 nach Brasilien])

Abschiedsbrief

Schmeicheln

Kolakeia

Dein grüner Lippenstift ist cool! Fantastisch!
Mit rosa Haaren find ich’s schon exotisch!
Wie du so federnd, wiegend, so elastisch
die Kreuzung überquerst ist echt erotisch!

(Schmeicheln; [“Wisse daher, dass Schmeichler die schlimmsten Verräter sind; denn deine Unvollkommenheiten werden sie stärken, dich in allem Übel ermutigen, in nichts korrigieren, doch all deine Laster so malen und abschattieren, dass du durch ihren Willen nie böse von gut, nie Laster von Tugend unterscheiden wirst” Sir Walter Raleigh]; ↪ auch Anerkennung in “Geistlos”; berühmt ist die Aesopsche Fabel Vom Fuchs und Raben: “O Rabe, was bist du für ein wunderbarer Vogel! Wenn dein Gesang ebenso schön ist wie dein Gefieder, dann sollte man dich zum König aller Vögel krönen!”;

Fuchs

Jean-Jacques Grandville: Der Rabe und der Fuchs, 1838

trinkt man Höflichkeitsfloskeln vergangener Tage, schmeckt man sofort den leckeren Speichel: “Gedicht An die Herzogin Franziska womit bei der höchstbeglückten Ankunft Ihro herzoglichen Durchlaucht der Frau Herzogin von Württemberg Franziska in dem Kloster Maulbronn seine untertänigste und tiefste Devotion bezeugen und sich Höchstdero Durchlaucht zu höchster Huld und Gnaden untertänigst empfehlen wollte Joh. Christian Friedrich Hölderlin.)

Hoelderlin

Wortverwechslung

Malapropismus

Die Straße transzendiert’ ich in Oliv.
Das Monometer zeigte heut auf Tief.
Als ich durch ihre Aureole lief,
da hing der Nimbus einer Ampel schief.

(falsches Fremdwort; vergleiche auch ↪ Zungensalat in “Geistlos”; bekannte Beispiele: “Sie ist so sturköpfig wie eine Allegorie am Ufer des Nils” [gemeint ist der “Alligator”, den es noch dazu nicht gibt am Ufer des Nils] – Mrs. Malaprop, nach der diese Unart benannt ist, Figur in einer Komödie von Richard Brinsley Sheridan, 1775; “HOLZAPFEL. O Spitzbube! Dafür wirst du noch ins ewige Jubiläum verdammt werden.” – Shakespeare Viel Lärm um nichts [im Original: “DOGBERRY. O villain! Thou wilt be condemned into everlasting redemption for this.”];

Malapropismus

“Dogberry” und “Mrs. Malaprop”

plötzlich erinnere ich mich auch an den “intellenten Stipend, der nach seinem Gumminasiumabschluss 12 Sylvester an der Unität stornierte und jetzt jede Barriere einschlagen kann”)

Mauerspecht

(Mauerspecht schlägt Barriere ein)

Affektierter Zungensalat

Kakozelie, Soraismus, Barbarismus

Ich trabe auf dem Trottoir
hinunter den Grand Boulevard
und fühle mich malade
von dieser Promenade.

Und mein Chemise, ah quel Malheur,
die Form zwar chique, doch das Couleur
trop vert, très éclatant,
und nicht sehr elegant.

Dann an der Ampel, oh Mon Dieu,
schnell rübergehn, allez allez –
gelobte Ignorance!
‘s hat keine Relevance.


Hier strollt in Grien, im grienen Frock,
ein Gentleman, ein eitler Schmock,
und smoket seine Peipe
in front of einer Kneipe.

Oh look nur, by dem roten Light
da strollt der Strolch, er ist gescheit
und gar kein bisschen scheu,
der jolly good old Boy.

(Zungensalat; Kakozelie [Cacozelia]: Fremdwörtersucht und ungeschickter Gebrauch von Fremdwörtern; Soraismus: [plumpe] Sprachvermischung, “Babylonisch”, “Kauderwelsch”; ↪ auch “Nudelverse” und Makkaronische Dichtung;

Pieter Bruegel der Ältere: Großer Turmbau zu Babel, 1563

Turmbau und Babylonische Sprachverwirrung: “ES hatte aber alle Welt einerley zungen vnd sprache. […] Vnd sprachen vnternander: […] Wolauff / Lasst vns eine Stad vnd Thurn bawen / des spitze bis an den Himel reiche / das wir vns einen namen machen / […] Vnd der HERR sprach: […] Wolauff / lasst vns ernider faren / vnd jre Sprache da selbs verwirren / das keiner des andern sprache verneme.” [1. Mose 11]; Barbarismus: falsche Verwendung eines [Fremd]wortes, auch metrischer Fehler, schlechter Klang, etc.; ↪ auch Kompositum + Pleonasmus + Tautologie in “Wort” und Malapropismus in “Geistlos”; zur Fremdwörtersucht ↪ Eduard Engel Sprich Deutsch!, 1916;

Eduard Engel

“Entwelschung” – ein ziemliches Unwort – bedeutet Entfernung der Fremdwörter; “Apropos, im Fall einer protestiert, legitimierts euch einfach als interimistische Volontäre der provisorischen Zentralkommission des Exekutivkomitees der Liga zum Generalboykott für Fremdwörter. Adio!” [Karl Kraus Die letzten Tage der Menschheit, 1915-22])

Redundanz

Pleonasmus, Tautologie

Mein Sakko war aus grünem Leinen,
grasgrün, famos und wunderbar.
Ich trottete mit beiden Beinen
auf einem Bürgertrottoir.

Doch als ich nun so lief und rannte,
da fiel ich, stolperte beinah,
als ich die Ampel nicht erkannte,
das rote Stopplicht übersah.

Zum Glück jedoch und Gott sei Dank
kam ich gesund und heil hinüber.
Leicht läge ich verletzt und krank,
führ mich ein Autowagen über.

(doppelt hält besser; Pleonasmus: zu viele Wörter; geistlos wenn unabsichtlich, sonst auch witzig: “Ich ward vom Geschick dazu verdammt, Erziehung, Kost, Wohnung und Kleidung frei, gratis und umsonst zu bekommen.” – Frederick Marryat Jacob Faithful [“Die Abenteuer des Jakob Ehrlich”], 1834; “Nun ja, die Post kommt aus der Stadt, / Wo ich ein liebes Liebchen hatt'” – Wilhelm Müller Die Post [aus Winterreise, vertont von Franz Schubert, 1827; man fragt sich sicher, ob dieses böse Liebchen nicht ein liebes Böschen ist oder gar ein böses Böschen], → auch Kompositum in “Wort” und Überflüssige Wörter und Füllwörter in “Geistlos”; Tautologie [Tautologia]: [unnütze] Wiederholung mit anderen Wörtern, → auch Zwillingsformel in “Lyrisch”; eine Steigerung wäre die Battologie → Wiederholung und Beharrlichkeit in “Geistlos”, das Gegenteil Oxymoron → Scharf-dumm in “Humor”)

Trotten 2

Fritz Fischer: Skizzen zu E.T.A. Hoffmann, 1958

Überflüssige Wörter

Parelcon

Warum nun aber bloß dies grüne, alte?
Man sieht ja nicht einmal ‘ne Bügelfalte!
Und lauf mir nicht bei Rot schon wieder noch!
Und tust du’s dennoch dann mit Vorsicht doch!

(überflüssige Wörter; hier: “nun aber bloß”, “schon wieder noch”; Robert Gernhardts Sonett, Materialien zu einer Kritik der bekanntesten Gedichtform italienischen Ursprungs parodiert auch die [damals] modischen Füllwörter: “Sonette find ich sowas von beschissen, / so eng, rigide, irgendwie nicht gut; / es macht mich ehrlich richtig krank zu wissen, / daß wer Sonette schreibt. Daß wer den Mut / hat, heute noch so’n dumpfen Scheiß zu bauen; / allein der Fakt, daß so ein Typ das tut, / kann mir in echt den ganzen Tag versauen. […]”; → auch Redundanz, Füllwörter und Floskeln in “Geistlos”)

Blah, Blah, Blah, painting by Mel Bochner

Mel Bochner: “Blah Blah Blah”

Tiefstapeln + Schönrednerei

Understatement + Euphemismus (+ Paraphrase)

Ich trage grün – bin versatil –
(das letzte Hemd und ohne Stil).
Da schimmert etwas in Zartrosa.
(Man nennt das “Rotlicht” in der Prosa.)
Ein Windchen weht mich sanft hinüber.
(Das heißt: Ich geh bei Rotlicht rüber.)

(Tiefstapeln, Schönrednerei; berühmt ist der englische Euphemismus “uncontrolled contact with the ground” für Flugzeugabsturz; ↪ auch Litotes in “Selt aber würdig”; das Gegenteil von Untertreiben ist die Übertreibung ↪ Hyperbel in “Spannung”; Paraphrase: Erklärung)

Flugzeug

(unkontrollierter Bodenkontakt)

Zusammengesetzte Wörter

Kompositum

Auf Citywegen packt mich Wandellust,
Grünhemdenpracht verziert die Schwitzebrust.
Da droht mir Überschreitungsnot,
denn Rotwarnlicht heißt Gehverbot.
Es schwillt die Schwarzeneggerwut.
Stolz siegt mein Siegfriedheldenmut!

(Zusammensetzung, die Geistesidiotie der Deutschsprache; ↪ Bildloses Hauptwort und Kompositum in “Wort”; “[Unsere Philosophaster sind aber genötigt in der Luft zu schweben], weil sie sich hüten müssen, die Erde zu berühren, wo sie, auf das Reale, Bestimmte, Einzelne und Klare stoßend, lauter gefährliche Klippen antreffen würden, an denen ihre Wortdreimaster scheitern könnten.” – Arthur Schopenhauer)


Kompositum in der Schlagzeile

Grünträger wird zum Rotsünder
– da klickten die Handschellen!


Grüntyp in Rotzone – kawumm!!!

Rotsuender

Markus Lüpertz: Weil er über Rot ging

Lautmalerei

Onomatopoesie + Inflektiv

Ich trap-trap-trabte auf der Straß
in einem grünen (seufz!) Gewand.
Die Ampel (klick!) wird rot – na was!
Schnell rüber bin ich g’ratt-tatt-tannt!

(stöhn…; Onomatopoesie [Onomatopoeia]: Lautmalerei; es gibt auch anspruchsvolle Lautmalerei: “Singt ein Lied so süß gelinde, / Wie die Quellen auf den Kieseln, / Wie die Bienen um die Linde / Summen, murmeln, flüstern, rieseln.” [Clemens Brentano Wiegenlied, 1852]; vergleiche → Alliteration, Assonanz und Klangdehnung; Inflektiv: ungebeugtes Zeitwort; ein “beschnittener” Infinitiv [ohne -en Endung”]: “seufz!”, “klick!”; meist im Comic, in der Karikatur oder im Cartoon; ein Inflektiv kann sogar ein Objekt oder ein Adverb “mitschleppen” [“kopfkratz”]; auch bei Smileys [*totlach*]; vergleiche ↪ Einwurf in “Humor”)

Floskeln

Apophthegma, Sentenz

Lilane Socken tragen die Herrn,
grün ist die Hoffnung, grün trag ich gern,
wandele wohl auf den Spuren des Lebens,
viel sind der Wege – keiner vergebens.

Plötzlich seh ich nur noch Rot.
Bleib ich treu bis in den Tod?
Liebe ist ein Abenteuer.
Guter Rat, heut bist du teuer.
Lässt man mich im Regen stehn?
Werde kurz mal rübergehn.
Time ist Money, time is rare,
auch im deutschen Dienstverkehr!

Lilane Socken


Immer gilt es, nicht nur heute:
Grüne Kleider machen Leute.
Schau, das Rot hat nie gestört,
wenn man’s hinters Licht geführt.
Sicher wäre ich wohl dumm,
kehrt auf halbem Weg ich um.
Grün ist – dieser Satz steht fest –
stets das Rote, das man lässt.

KLeider machen Leute


Da überholte mich ein flinker Hase.
Mir wurde grün vor Augen und vor Neid.
Dann sah ich Rot und fiel auf meine Nase
Mir wurde schwarz vor Ärger und vor Leid.

Schwarz


Mein grünes Hemd, das hat mehr Biss,
mehr Schuss, mehr Schneid – es hat mehr Schmiss,
und mancher, der es sieht, ist platt,
da dieses Hemd gewiss was hat.

Aha, was steht den heut ins Haus?
Wieso geht hier das Rot nicht aus?
He, Ampel, sag mal, liegt was an?
Bleibt ewig rot – oh Mann, oh Mann!

Jetzt reichts mir aber gleich. Na wart!
Ich gehe rüber knall und hart!

Tennis


Heute bin ich leitend tätig.
Ich vermag, was zu verfügen.
Ich verwalte ein Vermögen.
Betteln habe ich nicht nötig.

Und ich lebe in dem Glauben,
will man es zu etwas bringen,
muss man doch vor allen Dingen
die Erwartung höher schrauben.

Ja, man soll sich kultivieren,
auch im Äußerlichen pflegen.
Geht man nur in grünem Regen-
mantel, muss man sich genieren.

Doch wer’s kann darf sich was trauen
und ich selbst bin niemals feige,
da ich zu der Ansicht neige,
Unverzagtheit ziert den Schlauen.

Ja, ich spiel mit offnen Karten
und ich fahre einen Porsche,
denn im Leben braucht der Forsche
auch bei Rotlicht nicht zu warten.

Porsche


Es ging die Kuh mal durch ihr Kaff,
sah eine rote Scheune
und muhte: “Ach, du grüne Neune!
Da bin ich aber baff!

Hier steht ja glatt ein rotes Haus.
Ich denk, mich tritt ein Pferd!
Die Welt ist heute ganz verkehrt,
das hälste echt nich aus!

Da schnallste ab, da schlägste hin,
das is ja nich zu fassen!
Die haben doch nich alle Tassen
im Schrank; da is nix drin!”

Sie machte noch ein lautes “Muh!”,
da war die Scheune weg.
Es murmelte ein “ach tu Schreck…”
die abgeschnallte Kuh.

Pferd tritt Kuh

(die Floskel, das Blümchen, ursprünglich ein blühender Sinnspruch, versteinert rasch zum Gemeinplatz und zur albernen Redensart; man kann sie aber wieder zum Leben erwecken, indem man sie umdreht, verändert oder in einen falschen Zusammenhang bringt; → auch Überflüssige Wörter und Füllwörter in “Geistlos”)